Alles hat seine Zeit by Ennio Flaiano

Alles hat seine Zeit by Ennio Flaiano

Author:Ennio Flaiano [Flaiano, Ennio]
Language: deu
Format: epub
ISBN: 9783717522362
Publisher: Manesse Verlag
Published: 2013-06-24T16:00:00+00:00


FÜNFTES KAPITEL

Die Schraubenmutter und die Schraube

1

Am Tag darauf war ich in Massaua11. Der Dampfer sollte mitten in der Nacht abfahren; er war am Hauptkai vertäut, und ich sah seinen Namen frisch gemalt in weißen Buchstaben.«Vielleicht gelingt es mir», dachte ich. Ich musste mich einschiffen, aber vor allem durfte ich mich nicht festnehmen lassen. Diesen Satz sagte ich mehrmals zu mir selbst.

War es möglich, bei dieser Hitze etwas zu begreifen, ohne es sich zuerst mehrere Male vorzusagen? Eine leere Apathie ergriff Besitz von mir, und ich stand über eine Stunde lang dort und dachte über die traurige Lage nach, in die ich mich gebracht hatte. Der Urlaub war eine Falle. Sie würden mich an Bord festnehmen oder bei der Landung in Neapel. Aber ich musste mich trotzdem einschiffen und verstecken und für die Komplizenschaft einiger Besatzungsmitglieder bezahlen. Ich musste nach Neapel.

Sich nicht festnehmen lassen. Ich dachte zurück an mein Fortgehen aus dem Lager, in der Nacht, an mein Verweilen vor der Baracke des Doktors. Dort in seinem Eukalyptuswäldchen lag der Doktor schlafend auf dem Feldbett, die Zeitungen am Boden verstreut und die Kaffeemaschine auf dem Tisch. Vielleicht hatte er die Pistole unter seinem Kissen, und vielleicht lag er auch wach und dachte an mich. Ganz bestimmt, er dachte an mich. Voller Mitleid, aber auch entrüstet über meinen Versuch, ihn umzubringen. Und er würde nie erfahren, dass ich über eine Stunde lang ein paar Schritte von ihm entfernt gestanden hatte und versucht war, ihn wirklich umzubringen. Aber was für einen Vorteil hätte ich davon gehabt? Nachdem er die Anzeige erstattet hatte, war er von keinerlei Bedeutung mehr, er hatte sich gerettet. Wenn ich ihn getötet hätte, wäre es eine alberne Rache gewesen; weitere Anschuldigungen, und die Zahl der Komplizen wäre immer kleiner geworden. Und doch hatte ich gezögert, mich zu entfernen, denn ich dachte:«Sollte seine Faulheit so groß gewesen sein und ihn dazu verführt haben, die Anzeige auf morgen zu verschieben?»Nein, ich durfte mich nicht derartig täuschen über die Faulheit eines Arztes.«Nun also», hatte ich gesagt,«er soll in Frieden schlafen, dieser Doktor-Freund, der seinen Kopf so zur Unzeit bewegt.»

In der Morgendämmerung hatte ich ein Lastauto angehalten, nachdem ich die ganze Nacht querfeldein gelaufen war. Und nach einigen Stunden hatte ich den warmen und salzigen Hauch des Meeres gespürt.«Ist es das Meer?»

«Ja, es ist das Meer», hatte der Fahrer geantwortet. Alle meine unsinnigen Hoffnungen waren wieder erwacht, und ich war leise vor mich hin singend in Massaua angekommen. Jetzt dampfte die Stadt, und das Schiff lag bereit, mit seinem frisch gemalten Namen, doch es gab kein Lebenszeichen von sich. Ja, es ging jener Hauch von Verlassenheit von ihm aus, der eine verspätete Abreise voraussehen lässt oder sogar, dass es überhaupt keine Abreise gibt. Doch ich wusste, dass es spät in der Nacht abfahren würde.

Ich stieg die kleine Treppe hinauf und befand mich auf dem Promenadendeck. Dort oben war ein angenehmer Duft nach warmem Firnis und weiter nichts, nicht mehr jener fast unmerkliche Geruch, der bisweilen an Land von den Dingen ausging, die mich umgaben.



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